Neue Montagsdemo in Möckern – Wütender Hotelier, rechte Demos: Warum das „Amadeo“ in Möckern schließen musste

Seitdem das Hotel Amadeo im Januar schließen musste, brodelt die Gerüchteküche. Zu einer Demo unweit des Hotels riefen auch Rechtsextreme auf. Klar ist: Das Hotel wird keine Geflüchtetenunterkunft.

Leipzig. Möckern hat seit Ende Januar eine eigene Montagsdemonstration. Zwei Mal konnte sie unwidersprochen durch Möckern ziehen, beim dritten Mal traf sie auf lautstarken Widerspruch.

Es ist Montag dieser Woche, und auf dem Möckernschen Markt haben sich etwa 50 Personen versammelt, zu einer Montagsdemonstration gegen die Ampel, wie sie sagen. Ein paar Meter weiter: 100 Gegendemonstranten, gegen die Montagsdemonstration, die von Rechtsextremen unterwandert sei, heißt es dort. „Möckern ist bunt“, steht in großen Buchstaben auf einem Schild, die Farbe ist noch nicht ganz trocken.

Der neue Gegenprotest bleibt auch auf der Montagsdemo nicht unbemerkt. Der erste Redner des Abends, Lucien Wagner, Glatze, Brille, Dreitagebart, greift sich das Megafon. In Richtung der Gegendemonstranten ruft er: „Ich bin kein Nazi und kein Rassist. Aber ich liebe mein Heimatland!“ Applaus auf seiner Seite des Marktplatzes.

Ein Gerücht macht in Möckern die Runde

Fast zeitgleich mit dem Beginn der neuen Montagsproteste machte in Möckern ein Gerücht die Runde. Es handelt vom Hotel Amadeo, das seit Ende Januar dieses Jahres seine Türen geschlossen hat. Das Hotel „muss wegen Asylanten geschlossen werden“, behauptet ein Nutzer auf der Plattform Booking.com. Auch eine Leserin aus Möckern kontaktierte die LVZ mit gleichlautenden Gerüchten. Stimmen sie? Und wer steckt hinter den Montagsdemos in Möckern?

Der Betreiber des Hotels, Ulf Hannemann, hörte erstmals im Dezember von dem Gerücht mit den Flüchtlingen. Ein Mann sei zum Hotel gekommen, groß, tätowiert, „der hat irgendwie rechts ausgesehen“, so der Hotelier. Der Mann habe seine Mitarbeiterin gefragt, ob das Hotel tatsächlich schließe. Die bejahte – schließlich wurde Hannemann vom Vermieter zu Ende Januar gekündigt, nach 13 Jahren. Daraufhin habe der Mann wissen wollen, ob Flüchtlinge dort einziehen sollen.

In das Hotel ziehen keine Geflüchteten, sondern wohnungslose Frauen

Es ist unklar, wer das Gerücht in Möckern verbreitete. Klar ist nur, dass es nicht stimmt. Das teilte die Stadt auf Anfrage der LVZ mit. Stattdessen sollen dort „künftig 50 wohnungslose Frauen untergebracht werden“, sagte eine Sprecherin. Die bestehende Unterkunft mit 24 Plätzen in der Scharnhorststraße sei vor allem in der kalten Jahreszeit vollständig ausgelastet.

Hotelier Hannemann hält den Vorgang dennoch für einen Skandal. „Warum zerstört die Stadt ein gut laufendes Hotel, indem sie das Haus als Unterkunft aufkauft?“, fragt er. Von den Verkaufsplänen habe er im November erfahren. Im Dezember stimmte der Stadtrat dem Verkauf zu.

Da hatte Hannemann gerade angefangen, die über 100.000 Euro Schulden abzuarbeiten, die er laut eigenen Angaben während der Corona-Pandemie aufgenommen hatte. Nun ist er arbeitslos, ein Hotelier ohne Hotel. „Dass ich jetzt diese Schulden an der Backe habe, frustriert mich sehr“, sagt der 48-Jährige, „und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es weitergeht.“

Die Möglichkeit, das Haus selbst zu kaufen, habe der Vermieter aus Berlin ihm nicht gegeben. Der äußerte sich auf Anfrage nicht zu dem Sachverhalt. Dafür aber die Amtsleiterin des Sozialamtes, Martina Kador-Probst: „Die Stadt Leipzig sucht fortlaufend nach geeigneten Objekten zur Miete oder zum Ankauf, um gesetzliche Pflichtaufgaben wie die Notunterbringung obdachloser Personen erfüllen zu können.“ Im Falle des Hotels sei „die Verkaufsabsicht des Eigentümers im Herbst 2022 bekannt geworden“.

Etwa hundert Menschen bei Gegenprotest

Zurück zur Möckernschen Montagsdemo, zu der sich jede Woche eine zweistellige Zahl Demonstranten versammeln. Los ging alles am 29. Januar, Treffpunkt an der Toskastraße, „gegenüber der Q1-Tankstelle“, so stand es auf den Flyern. Auch die rechtsextremen Freien Sachsen hatten dazu aufgerufen, mit den Worten:

„Mit der BRD geht es zu Ende, Leipziger Freiheit bringt die Wende.“ In der Toskastraße befindet sich auch ein unscheinbares Wohnhaus, in das tatsächlich im April 55 Geflüchtete einziehen sollen – etwa hundert Meter vom Hotel Amadeo entfernt. Bei Stadtbezirksbeirätin Anne Schettler (Grüne) warf der Versammlungsort Fragen auf: „Warum treffen die sich ausgerechnet vor einer Geflüchtetenunterkunft?“

Und so stellte sie sich mit ihrer Kollegin Annette Siami (Linke) vor das Haus, um gegen den Aufzug zu protestieren. Siami habe ein Schild hochgehalten, „Asyl ist ein Menschenrecht“ stand darauf. Protestierende hätten ihnen daraufhin entgegengebrüllt: „Dann nehmt sie doch alle mit nach Hause!“ So berichten es Siama und Schettler übereinstimmend der LVZ. Damals waren die Beirätinnen noch die einzigen Gegendemonstranten in Möckern.

Drei Wochen später, wieder ein Montag, ist der Gegenprotest auf dem Möckernschen Markt auf etwa 100 Personen angewachsen. Die Bündnisse Leipzig nimmt Platz, Omas gegen rechts und Weltoffenes Gohlis hatten im Vorfeld dafür mobilisiert. Den Gegendemonstranten geht es in erster Linie um den Mann mit dem Megafon, Lucien Wagner, der die Montagsdemo anführt. Der sei ein bekannter Rechtsextremist „und will sich unser Viertel aneignen“, sagt ein Student aus Möckern.

Wagner rief zu Protest gegen Geflüchtetenunterkunft auf

Wagner beteuert hingegen, die Demonstration richte sich gegen „die Ampel, die Scheiße baut“. Später am Abend wird Wagner sich dann aber doch noch zur geplanten Unterkunft äußern, im Stream des rechten Youtubers Weichreite: „Wie kann man einen Haufen Zugezogener mit verschiedenen Mentalitäten in eine Wohngruppe stecken? Das funktioniert nicht!“

Lucien Wagner betreibt einen Tiktok-Kanal, „Jungsturm“ heißt er, so wie die Vorgängerorganisation der Hitlerjugend. Auf dem Account rief er im vergangenen September zum Protest gegen ein Geflüchtetenheim in Paunsdorf auf. Im Video zu sehen sind Demonstranten mit schwarz-weiß-roten Reichsflaggen, die skandieren:

„Wir wollen keine Asylantenheime!“ Als diese Woche der Demonstrationszug mit etwa 50 Personen durch Möckern lief, gab Wagner die Parolen durch ein Megafon vor. „Für die Heimat, für das Land“, zum Beispiel. Ausländerfeindliche Sprüche skandierte er aber nicht.

Stadtbezirksbeirätin Schettler hält das für Kalkül. Wagner sei ein „klassischer Rattenfänger“. Er gebe sich in Möckern betont bürgerlich, „und die Leute rennen ihm in ihrem verständlichen Ärger hinterher“. Die Gegendemo solle den Protestierenden klar machen, wofür Wagner eigentlich stehe. Ähnlich äußert sich vor Ort die Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta (Grüne): „Wenn die Nazis denken, dass sie im Leipziger Norden Freiräume haben, haben sie sich geschnitten.“

Polizei muss die Lager trennen

Nachdenkliche Töne stimmt der Lindenthaler SPD-Stadtrat Andreas Geisler an: Es sei zwar gut, dass es nun lautstarken Widerspruch gegen die „widerwärtige Polemik von rechts“ gebe. „Aber die zwei Dutzend Leute aus dem schwarzen Block, die heute hier sind, brauchen wir auch nicht.“

Später, als die Demo von Wagner schon offiziell aufgelöst ist, muss die Polizei die beiden Lager noch einmal trennen. Eine Gruppe junger Männer aus Wagners Demo hat sich der Gegendemonstration genähert, „auf die Fresse“, ruft einer von ihnen, vermummte Linke reagieren auf die Provokation. Die Auseinandersetzung bleibt an diesem Abend verbal. Doch für kommenden Montag hat Lucien Wagner eine weitere Versammlung in Möckern angekündigt – auch die Gegendemonstranten wollen wiederkommen.